«Den Holocaust leugnest du doch auch nicht»
(Kategorie: Textbeiträge, Videobeiträge)Der Asta der Uni Hamburg produzierte einen Imagefilm, der schon vor der Premiere heftige Kritik auslöste und dem Ausschuss Rassimus- und Sexismusvorwürfe einbrachte. In der damit verbundenen Debatte glänzen beide Seiten mit dünnen Argumenten und einem fragwürdigen Diskussionsverständnis.
Noch ehe der Film seine Uraufführung erlebte, waren die ersten Rassismusanschuldigungen in der Welt. Weil der Allgemeine Studierendenausschuss der Uni Hamburg (Asta) in einer Ankündigung auf gospelnde und «farbenprächtig gewandete afrikanische Reinigungskräfte»1 hinweist, die sich gegen flyerverteilende Studenten zur Wehr setzen, wurde ihm vorgeworfen, rassistische und sexistische Klischees zu bedienen. Ralph Henke vom Black Students Network (BSN) etwa beschwert sich darüber, dass die Frauen als primitiv dargestellt würden.
In Windeseile schusterte das BSN vor der Aufführung des Films einen Flyer zusammen, wonach sich die schwarzen Studenten «denunziert» fühlten, ohne dabei Platz für Argumente zu verschwenden. In einer weiteren Erklärung nach Premiere, diesmal an den Regisseur des Films, gab das Netzwerk an, seine Befürchtungen um ein Vielfaches übertroffen zu sehen: «Die gesamten 9 Minuten sind gefüllt von plumpem Rassismen und anderen Formen der Diskriminierung» [sic!]. Wo genau diese Rassismen zu finden sind, außer vielleicht in der Szene am Anfang, die am Ende des Films noch mal aufgenommen wird, verrät das BSN nicht.
Ähnlich sehen das die Witzbolde des sozialistisch-demokratischen Studierendenverbandes (Die Linke.SDS). Die wollen gar erkannt haben, dass sich rassistische Klischeebilder nicht nur abstrakt zeigten, sondern wie ein «roter Faden durch den Plot» zögen. Beispiele für die steile These? Fehlanzeige.
Schnell zeigte sich, dass der Kritikerseite nicht an einer konstruktiven Diskussion gelegen zu sein scheint, sondern sie nur ihre Ansichten kundtun will. Oft schießen die Kritiker übers Ziel hinaus, indem sie eine Argumentation bemühen, die in Rassimusdiskussionen zwar häufig gerechtfertigt ist, in der Debatte um den Imagefilm jedoch deplaziert wirkt. Es würde mich schon interessieren, warum Afrikaner nicht «putzenderweise» in einem Film gezeigt werden dürften (ca. 26. Min. im Mitschnitt). Die Kolonialgeschichte, auf die in der Diskussion verwiesen wird, kann kaum als Argument dienen, würde dies doch bedeuten, dass die Reinigungskräfte in dem Film als minderwertig oder evolutionär rückschrittlich charakterisiert werden, was hier aber definitiv nicht zu erkennen ist.
Auch die GEW-Studis veröffentlichen eine Analyse — mit einigen Schwächen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Studis interpretieren eines der Ankündigungsbilder zum Film in der Weise, dass ein einheitlicher weißer Block von Studenten von einem schwarzen Block Menschen verfolgt würde, und fragen sich: «Welche diffusen (‹europäischen›) Ängste sollen damit eventuell heraufbeschworen werden? Welche gesellschaftlichen Ungleichheiten sollen hier naturalisiert werden?» Womöglich sind meine Augen nicht mehr so gut, aber auf allen Fotos und im gesamten Film finde ich nur zwei schwarze Putzkräfte, die andere wirkt auf mich dagegen eher blass. Für welche Ängste die wohl steht?
Aufführung des Asta-Imagefilms
Besonders geärgert habe ich mich aber über das Verhalten des Medienwatchblogs Der Braune Mob,2 der u.a. die stereotype Darstellung schwarzer Menschen in den Medien anprangert und Aufklärungsarbeit betreibt. So wirft er dem Asta die Präsentation weißen Überlegenheitsdenkens vor und verweist in den Kommentaren auf andere sehr einseitige Diskussionen. Eine Debatte bzw. kritische Stimmen scheinen dort jedoch nicht willkommen zu sein. Zwar wird ein einschläfernder offener Brief veröffentlicht, in dem sich die Unterzeichner über ein fragwürdiges Demokratieverständnis des Astas beschweren, weil man unter seiner Erklärung keinen Möglichkeit findet, sein Missfallen zu bekunden, aber es einen Facebook-Button mit der Aufschrift «Gefällt mir» gibt. Und auch eine den nichtweißen Schauspielerinnen unterstellte «Kollaboration» wird unkommentiert veröffentlicht. Jedoch weigert sich der Braune Mob, meinen kritischen Kommentar (vielmehr kritische Frage) und meine darauf folgende Nachfrage zu publizieren. Dem passen offbar auch nur Solidaritätsbekundungen ins Konzept.
Und der Asta? Der bedient sich bei seiner Verteidigung gängiger Argumentationsmuster, die in der Sache keine Stellung beziehen, sondern allenfalls Allgemeinplätze beinhalten. Bspw. erklärte Timo Hempel, Kulturbeauftragter des Astas, bereits während der Vorführung, dass es sich bei dem Film doch nur um Satire handele und die Klischees auch als solche erkennbar seien; und auch eine Antwort auf der Webseite des Astas stellt lediglich allgemein dar, was eh schon klar war: Dass Rassismus schlecht ist und etwas dagegen getan werden muss. Die obligatorische Belehrung zur Problematik der Fremd- und Selbstbezeichnung fehlt freilich auch nicht. So gesehen ist der Umgang des Astas mit Kritik der eigentliche «Skandal». Studenten, die von ihm eigtl. vertreten werden sollten, kritisieren einen Film und der Asta lehnt sich schulterzuckend zurück und denkt sich: «Na und?»
Wie wenig der Streit auf eine konstruktive Auseinandersetzung ausgelegt zu sein scheint, zeigte sich besonders gut bei der Premiere des Films. Vor Beginn der Ausstrahlung verlasen die Kritiker («von vorne bis hinten rassistisch» — ohne den Film gesehen zu haben, wohlgemerkt) und Hempel lediglich Verlautbarungen und das Publikum störte permanent, insbesondere auch während der Filmvorführung. Wenn Hempel was sagte, buhten sie, und auch die «Diskussion» im Nachgang war alles andere als konstruktiv. Sich bei der Betrachtung des Videos selbst eine Meinung zu bilden, fällt da schwer. Die Kritisierten kommen kaum zu Wort, sollen aber Stellung beziehen. Mir scheint, die Kritiker wissen nicht so recht, was sie wollen. Für den Godwin Award qualifizierte sich dann noch eine Zuschauerin, die einer der Putzkraft-Darstellerinnen zurief: «Den Holocaust leugnest du doch auch nicht!» Dem geistigen Totalausfall vorausgegangen war die Feststellung, dass die Putzszene die Opfer des Kolonialismus verhöhne, was die Schauspielerin vielleicht gar nicht wisse, worauf diese entgegnete: «Jetzt werde ich als doof und unwissend dargestellt».
Problematisch bei solchen Diskussionen ist auch die zuweilen ausgesprochen selektive Wahrnehmung. Unmut erregte etwa die im Film gestellte Frage: «Wer sind diese faszinierenden jungen Leute, die sich hier der Urgwalt von Werktätigkeit und Folklore entgegenstellen?» Kritiker meinen, darin den Stereotyp des primitiven Afrikaners wiederzuerkennen. Das Wort «Urgewalt» in Kombination mit Schwarzen kann wohl nur das eine bedeuten. Dass damit vielleicht aber auch nur die Gegenüberstellung der für Ordnung sorgenden Arbeiter- und der unordentlichen Studentenschaft gemeint sein könnte, wird gar nicht erst in Betracht gezogen.3
Bei einem solchen Verhalten ist klar, dass sich die Kontrahenten trennen würden, ohne sich bzgl. des Problems zu einigen. Vielmehr dürfte sich auf der Kritikerseite die Ansicht gefestigt haben, dass Hempel ein chauvinistischer Arsch ist. Auf Seiten des Astas dürfe die Meinung bestätigt worden sein, dass es sich bei den Kritikern um linke Spinner handelt. Angeblich soll Hempel diese gar als «Linksextremisten» bezeichnet haben.
Ohne Frage: Der Film ist abgrundtief schlecht, zumal er kaum auf die Arbeit eines Astas eingeht. Insbesondere ist den Studenten der Uni Hamburg zu wünschen, dass für den Quark nicht, wie von Indymedia behauptet, 10.000 Euro verschwendet wurden.
Auch ich finde die Darstellung von Schwarzen, die ausgerechnet gospelsingend durch die Flure huschen, leicht nervig, erinnert sie doch all zu sehr an das Klischee eines immer fröhlichen Afrikaners. Jedoch ist an den Vorwürfen, wie sie in der unangebrachten Vehemenz geäußert werden, kaum handfestes dran. Betrachtet man nur die Kommentare zum Film, muss man fast annehmen, der Asta-Film sei im Schnittraum der PI-Clowns entstanden. Weniger Aufgeregtheit würde der Rassimusdebatte guttun.
[Disclosure: Ich bin schwarz und war Mitglied in einem Gospel-Chor. Manchmal singe ich während der Arbeit.]
- Der Text wurde mittlerweile geändert. Jetzt ist fehlt das Wort «afrikanisch». ↩
- Was übrigens der Grund für diesen Artikel ist. ↩
- Wer schon mal an der Uni Plakate geklebt hat, dürfte wissen, wie geschwind die mit allerlei anderen Plakaten, Flyern und Zettelchen überklebt sind. Und vor allem wie schnell die vom Reinigungspersonal wieder entfernt werden. ↩


